© Perry Payne / Amy Graham
Perry Payne - Autor

Orchideen im Wind

PPB und TwentySix Die   einundzwanzigjährige   Emily   genießt   ihr   exzessives   Leben.   Sie   ist   wild,   spontan und   unkontrollierbar.   Eines   Tages   will   sie   beweisen,   dass   sie   jeden   Kerl   rumkriegen kann   und   gerät   an   den   vierundsechzigjährigen   William,   der   beim   Sex   mit   ihr   einen Herzanfall    bekommt.    Anstatt    zu    helfen,    beleidigt    sie    ihn    und    überlässt    ihn    sich selbst.   Noch   am   selben   Tag   erleidet   Emily   einen   schweren   Unfall   und   landet   im Rollstuhl.   Ihr   Lebensmut   verlässt   sie.   Verbittert   und   suizidgefährdet   strapaziert   sie Freunde   und   Pfleger.   Als   niemand   mehr   mit   ihr   zusammenarbeiten   will,   bekommt sie einen neuen Arzt zugewiesen. Es ist William. Drama / ca 240 Seiten Taschenbuch ISBN: 978-3740786991 eBook: ISBN: 978-3740798185 Hörprobe: Leseproben

Einleitende Worte

Jede   Begegnung   ist   ein   Augenblick,   eine   Momentaufnahme   des   flüchtigen   Blickes und   allzu   oft   mit   Vorurteilen   besetzt   oder   inhaltslos.   Sie   ist   nichts   weiter,   als   ein winziger     Auszug     der     Bedeutungslosigkeit     selbst.     Dabei     ahnen     wir     nicht     im Entferntesten,    welche    Wunder    sich    hinter    den    einzelnen    Menschen    verbergen, welche   Schicksale,   Hoffnungen,   Talente   und   phantastische   Geschichten   sie   in   sich tragen. Aber   manchmal,   wenn   wir   aufmerksam   sind   oder   die   Zeit   gekommen   ist,   dürfen   wir einen   Teil   dieser   Geschichten   werden.   Und   wenn   das   geschieht,   ist   es   genau   der Augenblick, an dem ein neues Wunder beginnt.

Prolog

Alles   war   dafür   gemacht,   zerstört   zu   werden   oder   verloren   zu   gehen.   Zweifellos konnte   diese   Tatsache   nicht   die   optimale   Grundlage   für   ein   erfülltes   Menschenleben sein.   In   Zeiten   der   Ruhe   und   des   besinnlichen   Rückblicks   offenbarte   sie   gar   eine gewisse    Sinnlosigkeit    des    eigenen    Seins.    Vornehmlich    traf    das    für    schwierige Lebensumstände     zu,     saß     aber     gleichermaßen     im     trügerischen     Detail     des Gewöhnlichen    wie    eine    Spinne    in    ihrem    Versteck,    einem    verlorengegangenen Notizzettel   oder   einer   defekten   Taschenlampe   bei   Stromausfall.   Das   Leben   handelte vom    Neubeginn    und    der    Zerstörung.    Seit    Jahrmillionen    hatte    nichts    anderes Bestand   auf   dieser   Welt.   Nur   dominierte   bei   der   jungen   Emily   der   Zerfall,   als   würde er ihr nachstellen. Was sie anfasste, zerbrach unter ihren Händen. An   diesem   Abend   dachte   Emily   viel   nach   und   hatte   die   Idee,   dass   hinter   dem   Leben und   all   den   Dingen   auf   der   Welt   eine   größere   Bedeutung   stecken   musste.   Da   ihr bisher   niemand   eine   vernünftige   Antwort   darauf   geben   konnte,   machte   sie   sich   auf den   Weg,   um   hinter   das   Geheimnis   des   Lebens   zu   kommen.   Die   Suche   nach   der Wahrheit   dauerte   Monate   und   Jahre,   überschattete   ihre   ereignisreiche   Jugend,   bis sie   im   Sumpf   der   Erschöpfung   ihr   Ziel   aus   den   Augen   verlor.   Und   dann   geschah etwas   Furchtbares,   das   ihr   Leben   auf   eine   Weise   ändern   sollte,   mit   dem   sie   nie gerechnet hätte. - Nachdenklich   legte   Emily   ihren   schmalen   Finger   an   die   Lippen   und   sah   zwischen den   großen   Eschen   vorbei   auf   das   blaue   Meer   hinaus.   Die   Sonne   bildete   schillernde Sternchen   in   ihrem   dunkelrot   gefärbten   Haar.   Sie   musste   blinzeln,   nickte   sanft   und dachte   an   die   alten   Zeiten,   als   ihr   Körper   noch   zu   ihr   gehörte,   sie   laufen   konnte   und nicht an den Rollstuhl gefesselt war. „Essen   Sie   etwas“,   sagte   die   Schwester   und   riss   sie   damit   aus   den   Gedanken.   Sie hielt ihr einen Teller mit zwei belegten Brotscheiben und einem Apfel entgegen. Emily   drehte   ihren   Kopf   weg.   Was   spielte   in   ihrer   Situation   Essen   für   eine   Rolle?   Die Sonne blendete und es roch nach Pinienzapfen. „Nun   machen   Sie   schon,   Miss   Emily   Jensen.   Sie   brauchen   Kraft   für   diesen   herrlichen Tag.“ Emilys   Wangenknochen   bebten   und   sie   sah   mit   zusammengekniffenen   Augen   zu der Schwester. „Gib   den   Fraß   den   Leuten,   die   ein   Leben   haben“,   sagte   sie   schnippisch   und   wartete auf ihre Reaktion. „Es   gibt   viele   Menschen,   die   nicht   laufen   können   und   durchaus   damit   klarkommen. Ich    kenne    ausgezeichnete    Künstler,    Musiker    und    berühmte    Maler,    die    trotz gewaltiger   Einschränkung   großartige   Dinge   erschaffen   haben.   Vergessen   Sie   nicht, dass es nur Ihre Beine sind. Das Leben ...“ Emily   unterbrach   sie   mit   verschränkten   Armen.   „Hast   du   irgendetwas   am   Kopf,   oder wieso   kapierst   du   es   nicht?“   Verachtend   zeigte   sie   an   sich   herunter   zu   den   Beinen, die nutzlos und seit dem speziellen Tag zu einer Last geworden waren. „Der   Anfang   ist   immer   schwer.   Geben   Sie   die   Hoffnung   nicht   auf.   Und   jetzt   essen   Sie ein   wenig,   dann   machen   wir   Ihre   Übungen.   Vielleicht   können   Sie   schon   in   ein   paar Monaten wieder laufen.“ Die Schwester hielt ihr geduldig den Teller entgegen. „Wenn   du   mir   wirklich   helfen   willst,   schiebst   du   mich   nach   vorn.“   Emily   zeigte   zur Küste. „Einfach bis zur Klippe. Den Rest erledige ich selbst.“ „Das   werde   ich   gewiss   nicht   tun,   junge   Dame“,   sagte   die   Schwester   eindringlich   und stellte   den   Teller   auf   Emilys   Oberschenkeln   ab.   „Auch   wenn   Sie   derzeit   die   Sonne   in ihrem   Herzen   nicht   spüren   können,   wärmt   sie   die   Welt   und   wartet   darauf,   dass   Sie wieder   ihr   Licht   sehen.   Das   Leben   geht   weiter.   Und   es   ist   schön.   Auch   für   Sie. Vertrauen Sie mir. Im   Übrigen   dreht   sich   nicht   alles   um   Sie.   Andere   haben   größere   Probleme,   also jammern   Sie   nicht   herum.   Ich   lasse   Sie   jetzt   alleine.“   Die   Schwester   wandte   sich   ab und eilte ohne einen weiteren Versuch, Emily umzustimmen, zur Klinik davon. „Du   hast   etwas   vergessen!“,   schrie   Emily   und   warf   ihr   den   Teller   hinterher.   Die ansprechend   belegten   Brote   verteilten   sich   im   Gras.   Rollend   überholte   der   Teller   die Schwester, die sich aufgebracht zu ihr umdrehte. „Man   sollte   Ihnen   den   Hintern   versohlen“,   rief   sie   und   sammelte   den   Teller   und   die Brotscheiben ein. „Dann   komm   doch,   alte   Schachtel!   Versuche   es   nur“,   brüllte   Emily,   ließ   den   Kopf hängen   und   fügte   leise   hinzu:   „Dann   wäre   dieser   Körperteil   wenigstens   zu   etwas   zu gebrauchen.“ Sie   wischte   ein   Stück   Käse   von   der   Hose,   verschmierte   ihn,   zog   einen   Flunsch   und bekam    einen    Wutanfall.    Gefrustet    rüttelte    sie    an    dem    lästigen    Rollstuhl    und keuchte: „Ich weiß, wann es vorbei ist.“ Emily atmete schwer durch. Die   Luft   war   salzig   und   frisch   und   der   Wind   trug   den   Geruch   von   toten   Fischen   und Algen   herüber.   Ihr   Magen   knurrte,   doch   der   Kummer   war   stärker   als   Hunger,   und sie hatte den Entschluss gefasst, es jetzt zu Ende zu bringen. Mit   dem   Zeigefinger   schob   sie   den   kleinen   Hebel   auf   Sitzhöhe   des   Rollstuhls   nach vorn   und   die   Räder   waren   frei.   Kräftig   stemmte   sie   sich   gegen   den   Handlauf   auf beiden   Seiten.   Die   Wiese   war   flach   und   akkurat   gemäht,   aber   mit   den   schmalen Rädern    kam    sie    nur    beschwerlich    voran.    Jeder    einzelne    Meter,    mit    diesem störrischen   Teil   verlangte   enorme   Kraft.   Sie   beugte   sich   vor,   umfasste   den   Handlauf der Räder und steigerte verärgert den Schwung. Zwischen   den   Eschen   und   Mahonien   verliefen   große   graue   Gehwegplatten,   die   zu Holzbänken   führten,   die   weiter   vorne   im   Kreis   angeordnet   waren   und   im   Schutz   der alten Büsche des Öfteren heimlich von Rauchern genutzt wurden. Um   diese   Zeit   waren   die   meisten   Patienten   bei   Therapien   oder   in   ihren   Zimmern, weswegen   der   Park   nahezu   verlassen   war.   Nur   ein   alter   Mann   saß   einsam   dort   auf einer   Bank.   Er   hatte   die   Augen   geschlossen,   die   Arme   verschränkt   und   das   Gesicht zur    Sonne    gereckt.    Neben    ihm    lehnten    zwei    Krücken    an    der    Bank    und    sein geschientes Bein stand sperrig ab. Emily brauchte eine Pause. Sie schüttelte ihre Arme aus. Der   Typ   hatte   wenigstens   noch   ein   gesundes   Bein,   und   sie   spürte   nicht   mal   ihre Hüfte.   Gewiss   würde   er   es   irgendwann   schaffen,   hatte   eine   Zukunft   vor   sich   -   er   und die meisten anderen, die hier untergebracht waren. Sie   verzog   den   Mund,   schnaubte   und   rollte   weiter,   steckte   die   ganze   Kraft   ihres Oberkörpers   in   die   Arme   und   bewegte   die   Räder,   als   wären   sie   Mühlsteine.   Nach dem   Plattenweg   holperte   sie   mit   dem   Rollstuhl   über   die   Grasnarbe   bis   nach   vorn zum    Geländer.    Hier    sah    sie    sich    um.    Diese    Stelle    hinter    den    Büschen    konnte niemand   vom   Haupthaus   einsehen,   nicht   einmal   der   Kerl   mit   dem   geschienten Bein. So hatte sie genug Zeit, nach vorn zu kriechen und Abschied zu nehmen. Ungelenk   ließ   sich   Emily   aus   dem   Stuhl   gleiten.   Ohne   die   Kraft   ihrer   Beine   war   es unglaublich   beschwerlich,   den   eigenen   Körper   zu   bewegen   und   unter   dem   Geländer hindurchzuziehen.    Früher    brachte    Emily    nicht    mal    zwei    ordentliche    Liegestütze hintereinander zustande, und jetzt musste sie Höchstleistungen vollbringen. Keuchend   und   mit   schmerzenden   Muskeln   in   den   Oberarmen   fluchte   und   jammerte sie.   Tränen   der   Verzweiflung   liefen   ihr   über   die   Wangen   und   sie   verteufelte   jeden Zentimeter,    den    sie    vor    sich    hatte.    Und    genau    diese    Tatsache    verdeutlichte    ihr jämmerliches    Leben,    die    Sinnlosigkeit    des    Seins    und    das    eines    unvollständigen Menschen. Die   scharfkantigen   Steine   schmerzten   an   den   Handflächen   und   den   Ellenbogen.   Ein Schuh    verhakte    sich    im    Gestrüpp    und    hielt    sie    fest,    wie    eine    Hand,    die    sie zurückhalten   wollte.   Verärgert   zerrte   sie   am   Hosenbein,   griff   unter   ihr   Kniegelenk und ruckte am Bein. „Verdammt!“, knirschte sie. Der    Schuh    blieb    fest    verhakt    und    ein    halber    Meter    lag    noch    zwischen    ihrem jämmerlichen    Leben    und    der    Erlösung.    Entkräftet    legte    sie    ihren    Kopf    auf    den harten   scharfkantigen   Steinen   ab,   sammelte   Kraft   und   spürte   das   Zusammenspiel der   wärmenden   Sonne   und   den   Geräuschen   der   Welt   mit   den   Wellen,   die   gegen   die Brandung   schlugen.   Kreischende   Möwen   und   das   Rauschen   der   Blätter   erreichten ihren Verstand sowie versöhnliche Düfte des Meeres garnierten ihre Wahrnehmung. Prinzipiell   war   die   Welt   gar   nicht   so   übel.   Nur   leider   war   sie   für   andere   gemacht, diejenigen,   die   ihre   Portion   vom   Glück   abbekommen   hatten,   ein   kleines   Haus,   einen Lebenspartner   und   einen   Job,   den   sie   vielleicht   sogar   mochten.   Auch   Emily   hatte ihre Zeit, aber diese war seit dem Unfall abgelaufen. Sie   hob   ihren   Kopf,   atmete   tief   durch   und   drehte   sich   auf   die   Seite,   riss   wieder   an ihrem Bein und konnte den Fuß aus dem Schuh ziehen. Ihre   Hände   waren   staubig   und   zerschnitten,   und   eine   blutige   Schramme   in   ihrem Gesicht schmerzte, als hätte sie einen schweren Kampf hinter sich. Sie   schob   sich   weiter   voran,   erreichte   den   Felsvorsprung   und   hielt   inne.   Weit   unten lagen   dunkle   nasse   Felsen.   Sie   waren   abgebrochen   und   ragten   scharfkantig   und hart   wie   furchteinflößende   Zähne   empor,   die   nach   ihr   zu   lechzen   schienen   und   ihr begierig   zuwinkten.   Zwölf   Meter   freier   Fall   sollten   genügen.   Schließlich   waren   die Dinge und das Leben selbst dafür gemacht, für immer verloren zu gehen.

Rezensionen

„Im Nachhinein beschäftigt mich

das Buch immer noch.“

Es   ist   eine   wahnsinnig   genial   geschriebene Geschichte.   Sie   ist   stimmig!   Ich   war   hin   und her    gerissen    zwischen:    undankbare    zickige Göre,    und    armes    verzweifeltes    Mädchen. Zwischen:   er   tut   mir   Leid   und   was   ist   sein Geheimnis? Irgendwas ist doch komisch. Und     verdammt     nochmal,warum     will     ihr niemand     zuhören?     Warum     muss     er     ins Gefängnis? Und     bevor     ich     zur     anderen     Seite     der Medaille    gewechselt    hab,    empfand    ich    das Ganze    so    ungerecht!    Dann    las    ich    Abends weiter. Und Fassungslosigkeit ergriff mich. Jetzt    im    Nachhinein    beschäftigt    mich    das Buch   immer   noch.   Ich   komme   mir   fast   vor, wie   so   ein   Profiler.   Versuche   zu   analysieren... Gab   es   versteckte   Hinweise?   Hab   ich   etwas überlesen? Das   Buch   ist   so   genial   geschrieben!   Niemals wäre   ich   auf   das   Ende   gekommenen.   Habe es nicht erwartet! Ich    ziehe    meinen    imaginären    Hut!    (Steffi Eckhoff-Emme / Testleserbuch)

„Kolossale Wende“

Eine         starke,         sicher         aktuelle         und psychologisch   wertvolle   Geschichte.   Ich   bin sprachlos    und    ein    bissel    überwältigt.    Die Spannung   wurde   zur   kolossalen   Wende   mit ein   paar   erlösenden   Tränen   getoppt.   (Karen Böttcher)

„Zuerst Zorn, dann Mitleid“

Anfangs   packte   mich   regelrecht   der   Zorn   auf das Mädchen. Mitleid mit dem älteren Mann, mitten     drin     bekam     ich     Mitleid     mit     dem Mädchen      und      fand      den      Mann      dann irgendwie    eigenartig.    Zum    Schluss    hin    hat sich das Blatt komplett gewendet. Ich   habe   nicht   mit   diesem   Ende   gerechnet und      dachte      es      würde      etwas      anderes dahinter stecken, anders ausgehen. Das   Buch   ist   wirklich   lesenswert.   Ich   kann   es nur empfehlen! (Estrella H FA)
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© Perry Payne / Amy Graham
Perry Payne Autor

Orchideen im Wind

PPB und TwentySix Die   einundzwanzigjährige   Emily   genießt   ihr   exzessives   Leben.   Sie   ist wild,   spontan   und   unkontrollierbar.   Eines   Tages   will   sie   beweisen, dass     sie     jeden     Kerl     rumkriegen     kann     und     gerät     an     den vierundsechzigjährigen     William,     der     beim     Sex     mit     ihr     einen Herzanfall    bekommt.    Anstatt    zu    helfen,    beleidigt    sie    ihn    und überlässt   ihn   sich   selbst.   Noch   am   selben   Tag   erleidet   Emily   einen schweren   Unfall   und   landet   im   Rollstuhl.   Ihr   Lebensmut   verlässt   sie. Verbittert   und   suizidgefährdet   strapaziert   sie   Freunde   und   Pfleger. Als    niemand    mehr    mit    ihr    zusammenarbeiten    will,    bekommt    sie einen neuen Arzt zugewiesen. Es ist William. Drama / ca 240 Seiten Taschenbuch ISBN: 978-3740786991 eBook: ISBN: 978-3740798185 Hörprobe: Leseproben

Einleitende Worte

Jede    Begegnung    ist    ein    Augenblick,    eine    Momentaufnahme    des flüchtigen     Blickes     und     allzu     oft     mit     Vorurteilen     besetzt     oder inhaltslos.    Sie    ist    nichts    weiter,    als    ein    winziger    Auszug    der Bedeutungslosigkeit   selbst.   Dabei   ahnen   wir   nicht   im   Entferntesten, welche    Wunder    sich    hinter    den    einzelnen    Menschen    verbergen, welche      Schicksale,      Hoffnungen,      Talente      und      phantastische Geschichten sie in sich tragen. Aber     manchmal,     wenn     wir     aufmerksam     sind     oder     die     Zeit gekommen   ist,   dürfen   wir   einen   Teil   dieser   Geschichten   werden. Und   wenn   das   geschieht,   ist   es   genau   der   Augenblick,   an   dem   ein neues Wunder beginnt.

Prolog

Alles    war    dafür    gemacht,    zerstört    zu    werden    oder    verloren    zu gehen.     Zweifellos     konnte     diese     Tatsache     nicht     die     optimale Grundlage   für   ein   erfülltes   Menschenleben   sein.   In   Zeiten   der   Ruhe und   des   besinnlichen   Rückblicks   offenbarte   sie   gar   eine   gewisse Sinnlosigkeit   des   eigenen   Seins.   Vornehmlich   traf   das   für   schwierige Lebensumstände    zu,    saß    aber    gleichermaßen    im    trügerischen Detail   des   Gewöhnlichen   wie   eine   Spinne   in   ihrem   Versteck,   einem verlorengegangenen   Notizzettel   oder   einer   defekten   Taschenlampe bei    Stromausfall.    Das    Leben    handelte    vom    Neubeginn    und    der Zerstörung.    Seit    Jahrmillionen    hatte    nichts    anderes    Bestand    auf dieser   Welt.   Nur   dominierte   bei   der   jungen   Emily   der   Zerfall,   als würde   er   ihr   nachstellen.   Was   sie   anfasste,   zerbrach   unter   ihren Händen. An   diesem   Abend   dachte   Emily   viel   nach   und   hatte   die   Idee,   dass hinter   dem   Leben   und   all   den   Dingen   auf   der   Welt   eine   größere Bedeutung   stecken   musste.   Da   ihr   bisher   niemand   eine   vernünftige Antwort   darauf   geben   konnte,   machte   sie   sich   auf   den   Weg,   um hinter   das   Geheimnis   des   Lebens   zu   kommen.   Die   Suche   nach   der Wahrheit      dauerte      Monate      und      Jahre,      überschattete      ihre ereignisreiche   Jugend,   bis   sie   im   Sumpf   der   Erschöpfung   ihr   Ziel   aus den   Augen   verlor.   Und   dann   geschah   etwas   Furchtbares,   das   ihr Leben    auf    eine    Weise    ändern    sollte,    mit    dem    sie    nie    gerechnet hätte. - Nachdenklich   legte   Emily   ihren   schmalen   Finger   an   die   Lippen   und sah   zwischen   den   großen   Eschen   vorbei   auf   das   blaue   Meer   hinaus. Die     Sonne     bildete     schillernde     Sternchen     in     ihrem     dunkelrot gefärbten   Haar.   Sie   musste   blinzeln,   nickte   sanft   und   dachte   an   die alten   Zeiten,   als   ihr   Körper   noch   zu   ihr   gehörte,   sie   laufen   konnte und nicht an den Rollstuhl gefesselt war. „Essen   Sie   etwas“,   sagte   die   Schwester   und   riss   sie   damit   aus   den Gedanken.   Sie   hielt   ihr   einen   Teller   mit   zwei   belegten   Brotscheiben und einem Apfel entgegen. Emily   drehte   ihren   Kopf   weg.   Was   spielte   in   ihrer   Situation   Essen   für eine Rolle? Die Sonne blendete und es roch nach Pinienzapfen. „Nun   machen   Sie   schon,   Miss   Emily   Jensen.   Sie   brauchen   Kraft   für diesen herrlichen Tag.“ Emilys         Wangenknochen         bebten         und         sie         sah         mit zusammengekniffenen Augen zu der Schwester. „Gib    den    Fraß    den    Leuten,    die    ein    Leben    haben“,    sagte    sie schnippisch und wartete auf ihre Reaktion. „Es    gibt    viele    Menschen,    die    nicht    laufen    können    und    durchaus damit    klarkommen.    Ich    kenne    ausgezeichnete    Künstler,    Musiker und   berühmte   Maler,   die   trotz   gewaltiger   Einschränkung   großartige Dinge   erschaffen   haben.   Vergessen   Sie   nicht,   dass   es   nur   Ihre   Beine sind. Das Leben ...“ Emily      unterbrach      sie      mit      verschränkten      Armen.      „Hast      du irgendetwas   am   Kopf,   oder   wieso   kapierst   du   es   nicht?“   Verachtend zeigte   sie   an   sich   herunter   zu   den   Beinen,   die   nutzlos   und   seit   dem speziellen Tag zu einer Last geworden waren. „Der   Anfang   ist   immer   schwer.   Geben   Sie   die   Hoffnung   nicht   auf. Und    jetzt    essen    Sie    ein    wenig,    dann    machen    wir    Ihre    Übungen. Vielleicht   können   Sie   schon   in   ein   paar   Monaten   wieder   laufen.“   Die Schwester hielt ihr geduldig den Teller entgegen. „Wenn   du   mir   wirklich   helfen   willst,   schiebst   du   mich   nach   vorn.“ Emily   zeigte   zur   Küste.   „Einfach   bis   zur   Klippe.   Den   Rest   erledige   ich selbst.“ „Das   werde   ich   gewiss   nicht   tun,   junge   Dame“,   sagte   die   Schwester eindringlich    und    stellte    den    Teller    auf    Emilys    Oberschenkeln    ab. „Auch   wenn   Sie   derzeit   die   Sonne   in   ihrem   Herzen   nicht   spüren können,   wärmt   sie   die   Welt   und   wartet   darauf,   dass   Sie   wieder   ihr Licht   sehen.   Das   Leben   geht   weiter.   Und   es   ist   schön.   Auch   für   Sie. Vertrauen Sie mir. Im   Übrigen   dreht   sich   nicht   alles   um   Sie.   Andere   haben   größere Probleme,   also   jammern   Sie   nicht   herum.   Ich   lasse   Sie   jetzt   alleine.“ Die    Schwester    wandte    sich    ab    und    eilte    ohne    einen    weiteren Versuch, Emily umzustimmen, zur Klinik davon. „Du   hast   etwas   vergessen!“,   schrie   Emily   und   warf   ihr   den   Teller hinterher.   Die   ansprechend   belegten   Brote   verteilten   sich   im   Gras. Rollend   überholte   der   Teller   die   Schwester,   die   sich   aufgebracht   zu ihr umdrehte. „Man   sollte   Ihnen   den   Hintern   versohlen“,   rief   sie   und   sammelte den Teller und die Brotscheiben ein. „Dann   komm   doch,   alte   Schachtel!   Versuche   es   nur“,   brüllte   Emily, ließ    den    Kopf    hängen    und    fügte    leise    hinzu:    „Dann    wäre    dieser Körperteil wenigstens zu etwas zu gebrauchen.“ Sie    wischte    ein    Stück    Käse    von    der    Hose,    verschmierte    ihn,    zog einen   Flunsch   und   bekam   einen   Wutanfall.   Gefrustet   rüttelte   sie   an dem   lästigen   Rollstuhl   und   keuchte:   „Ich   weiß,   wann   es   vorbei   ist.“ Emily atmete schwer durch. Die   Luft   war   salzig   und   frisch   und   der   Wind   trug   den   Geruch   von toten    Fischen    und    Algen    herüber.    Ihr    Magen    knurrte,    doch    der Kummer    war    stärker    als    Hunger,    und    sie    hatte    den    Entschluss gefasst, es jetzt zu Ende zu bringen. Mit   dem   Zeigefinger   schob   sie   den   kleinen   Hebel   auf   Sitzhöhe   des Rollstuhls   nach   vorn   und   die   Räder   waren   frei.   Kräftig   stemmte   sie sich   gegen   den   Handlauf   auf   beiden   Seiten.   Die   Wiese   war   flach   und akkurat    gemäht,    aber    mit    den    schmalen    Rädern    kam    sie    nur beschwerlich   voran.   Jeder   einzelne   Meter,   mit   diesem   störrischen Teil    verlangte    enorme    Kraft.    Sie    beugte    sich    vor,    umfasste    den Handlauf der Räder und steigerte verärgert den Schwung. Zwischen     den     Eschen     und     Mahonien     verliefen     große     graue Gehwegplatten,    die    zu    Holzbänken    führten,    die    weiter    vorne    im Kreis    angeordnet    waren    und    im    Schutz    der    alten    Büsche    des Öfteren heimlich von Rauchern genutzt wurden. Um   diese   Zeit   waren   die   meisten   Patienten   bei   Therapien   oder   in ihren   Zimmern,   weswegen   der   Park   nahezu   verlassen   war.   Nur   ein alter   Mann   saß   einsam   dort   auf   einer   Bank.   Er   hatte   die   Augen geschlossen,    die    Arme    verschränkt    und    das    Gesicht    zur    Sonne gereckt.   Neben   ihm   lehnten   zwei   Krücken   an   der   Bank   und   sein geschientes Bein stand sperrig ab. Emily brauchte eine Pause. Sie schüttelte ihre Arme aus. Der   Typ   hatte   wenigstens   noch   ein   gesundes   Bein,   und   sie   spürte nicht    mal    ihre    Hüfte.    Gewiss    würde    er    es    irgendwann    schaffen, hatte   eine   Zukunft   vor   sich   -   er   und   die   meisten   anderen,   die   hier untergebracht waren. Sie   verzog   den   Mund,   schnaubte   und   rollte   weiter,   steckte   die   ganze Kraft   ihres   Oberkörpers   in   die   Arme   und   bewegte   die   Räder,   als wären   sie   Mühlsteine.   Nach   dem   Plattenweg   holperte   sie   mit   dem Rollstuhl   über   die   Grasnarbe   bis   nach   vorn   zum   Geländer.   Hier   sah sie   sich   um.   Diese   Stelle   hinter   den   Büschen   konnte   niemand   vom Haupthaus   einsehen,   nicht   einmal   der   Kerl   mit   dem   geschienten Bein.   So   hatte   sie   genug   Zeit,   nach   vorn   zu   kriechen   und   Abschied zu nehmen. Ungelenk   ließ   sich   Emily   aus   dem   Stuhl   gleiten.   Ohne   die   Kraft   ihrer Beine    war    es    unglaublich    beschwerlich,    den    eigenen    Körper    zu bewegen     und     unter     dem     Geländer     hindurchzuziehen.     Früher brachte   Emily   nicht   mal   zwei   ordentliche   Liegestütze   hintereinander zustande, und jetzt musste sie Höchstleistungen vollbringen. Keuchend    und    mit    schmerzenden    Muskeln    in    den    Oberarmen fluchte   und   jammerte   sie.   Tränen   der   Verzweiflung   liefen   ihr   über die   Wangen   und   sie   verteufelte   jeden   Zentimeter,   den   sie   vor   sich hatte.    Und    genau    diese    Tatsache    verdeutlichte    ihr    jämmerliches Leben,   die   Sinnlosigkeit   des   Seins   und   das   eines   unvollständigen Menschen. Die   scharfkantigen   Steine   schmerzten   an   den   Handflächen   und   den Ellenbogen.   Ein   Schuh   verhakte   sich   im   Gestrüpp   und   hielt   sie   fest, wie   eine   Hand,   die   sie   zurückhalten   wollte.   Verärgert   zerrte   sie   am Hosenbein, griff unter ihr Kniegelenk und ruckte am Bein. „Verdammt!“, knirschte sie. Der    Schuh    blieb    fest    verhakt    und    ein    halber    Meter    lag    noch zwischen   ihrem   jämmerlichen   Leben   und   der   Erlösung.   Entkräftet legte    sie    ihren    Kopf    auf    den    harten    scharfkantigen    Steinen    ab, sammelte   Kraft   und   spürte   das   Zusammenspiel   der   wärmenden Sonne   und   den   Geräuschen   der   Welt   mit   den   Wellen,   die   gegen   die Brandung    schlugen.    Kreischende    Möwen    und    das    Rauschen    der Blätter    erreichten    ihren    Verstand    sowie    versöhnliche    Düfte    des Meeres garnierten ihre Wahrnehmung. Prinzipiell   war   die   Welt   gar   nicht   so   übel.   Nur   leider   war   sie   für andere      gemacht,      diejenigen,      die      ihre      Portion      vom      Glück abbekommen   hatten,   ein   kleines   Haus,   einen   Lebenspartner   und einen   Job,   den   sie   vielleicht   sogar   mochten.   Auch   Emily   hatte   ihre Zeit, aber diese war seit dem Unfall abgelaufen. Sie   hob   ihren   Kopf,   atmete   tief   durch   und   drehte   sich   auf   die   Seite, riss   wieder   an   ihrem   Bein   und   konnte   den   Fuß   aus   dem   Schuh ziehen. Ihre    Hände    waren    staubig    und    zerschnitten,    und    eine    blutige Schramme   in   ihrem   Gesicht   schmerzte,   als   hätte   sie   einen   schweren Kampf hinter sich. Sie   schob   sich   weiter   voran,   erreichte   den   Felsvorsprung   und   hielt inne.   Weit   unten   lagen   dunkle   nasse   Felsen.   Sie   waren   abgebrochen und    ragten    scharfkantig    und    hart    wie    furchteinflößende    Zähne empor,   die   nach   ihr   zu   lechzen   schienen   und   ihr   begierig   zuwinkten. Zwölf   Meter   freier   Fall   sollten   genügen.   Schließlich   waren   die   Dinge und das Leben selbst dafür gemacht, für immer verloren zu gehen.
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Rezensionen

„Im   

Nachhinein   

beschäftigt   

mich   

das

Buch immer noch.“

Es    ist    eine    wahnsinnig    genial geschriebene   Geschichte.   Sie   ist stimmig!    Ich    war    hin    und    her gerissen    zwischen:    undankbare zickige        Göre,        und        armes verzweifeltes                   Mädchen. Zwischen:    er    tut    mir    Leid    und was        ist        sein        Geheimnis? Irgendwas ist doch komisch. Und   verdammt   nochmal,warum will       ihr       niemand       zuhören? Warum muss er ins Gefängnis? Und   bevor   ich   zur   anderen   Seite der     Medaille     gewechselt     hab, empfand     ich     das     Ganze     so ungerecht!   Dann   las   ich   Abends weiter.     Und     Fassungslosigkeit ergriff mich. Jetzt   im   Nachhinein   beschäftigt mich   das   Buch   immer   noch.   Ich komme   mir   fast   vor,   wie   so   ein Profiler.             Versuche             zu analysieren...   Gab   es   versteckte Hinweise?       Hab       ich       etwas überlesen? Das       Buch       ist       so       genial geschrieben!    Niemals    wäre    ich auf     das     Ende     gekommenen. Habe es nicht erwartet! Ich     ziehe     meinen     imaginären Hut!      (Steffi      Eckhoff-Emme      / Testleserbuch)

„Kolossale Wende“

Eine   starke,   sicher   aktuelle   und psychologisch                  wertvolle Geschichte.     Ich     bin     sprachlos und    ein    bissel    überwältigt.    Die Spannung   wurde   zur   kolossalen Wende   mit   ein   paar   erlösenden Tränen           getoppt.           (Karen Böttcher)

„Zuerst Zorn, dann Mitleid“

Anfangs   packte   mich   regelrecht der     Zorn     auf     das     Mädchen. Mitleid mit dem älteren Mann, mitten    drin    bekam    ich    Mitleid mit   dem   Mädchen   und   fand   den Mann            dann            irgendwie eigenartig.   Zum   Schluss   hin   hat sich        das        Blatt        komplett gewendet. Ich   habe   nicht   mit   diesem   Ende gerechnet   und   dachte   es   würde etwas   anderes   dahinter   stecken, anders ausgehen. Das   Buch   ist   wirklich   lesenswert. Ich     kann     es     nur     empfehlen! (Estrella H FA)